Das Projekt
Zur Einführung
Als „Vorstadt“ und dann 2. Bezirk von Wien war (und ist) die Leopoldstadt ein Ort der Zuwanderung und der Gegensätze. Im 17. Jahrhundert Standort des jüdischen Ghettos wurde sie Ende des 19. Jahrhunderts Heimstatt vieler jüdischer Einwanderer und derjenige Wohnbezirk Wiens mit dem höchsten Anteil an jüdischer Bevölkerung. Um 1900 betrug deren Anteil bereits 36,4% der Gesamtbevölkerung in der Leopoldstadt und um 1938 nahezu 40% und sie war damit der Mittelpunkt des blühenden jüdischen Lebens in Wien.

Die Große Stadtgutgasse liegt zwischen Taborstraße und Praterstraße, inmitten jenes Gebiets, das bis 1938 eine hohe Wohndichte an Juden aufwies.

Der mit dem „Anschluss“ Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland im März 1938 einsetzende Terror gegen die jüdische Bevölkerung, deren Beraubung, Entrechtung, Vertreibung und schließlich Ermordung zu Zehntausenden hat in der Leopoldstadt eine Spur der Verwüstung hinterlassen, die noch heute sichtbar ist.

Im März 1938 waren mehr als 50% der BewohnerInnen unseres (aus Vorder- und Hintertrakt bestehenden) Hauses jüdischer Herkunft bzw. in der Naziterminologie „jüdisch versippt“. Bereits Ende 1938 (also noch in der Phase der „wilden Arisierungen“) waren sie aus ihren Wohnungen vertrieben, das Haus – in der Naziterminologie - „judenrein“. Anders als in Häusern rundum, wo zunächst Vertriebene vielfach Unterschlupf fanden oder in Sammelwohnungen zugewiesen wurden und dort bis zur möglichen Flucht oder ihrer Deportation zusammengepfercht leben mussten.

22 der ehemaligen BewohnerInnen haben es noch geschafft, ihr Leben durch erzwungene Emigration zu retten, 17 ist dies nicht mehr gelungen. Sie wurden letztlich deportiert und ermordet.

Unser Projekt ist dem Gedenken und der Erinnerung an sie alle gewidmet. Wir verbinden damit eine Art „Trauerarbeit“, bezogen auf unseren unmittelbaren Lebensbereich, nämlich unsere Wohnungen bzw. das Haus, in dem wir leben. Aus der anonymen Zahl an zehntausenden Holocaustopfern aus unserem Bezirk wollen wir zumindest einigen ihre Namen und ihre Geschichte wieder zurückgeben. Es sind dies eben nicht nur die „verschwundenen Nachbarn“, sondern die vertriebenen BewohnerInnen, die selbst oder deren Kinder eigentlich statt uns noch hier wohnen könnten.

Uns ist bewusst, dass wir mit dem Projekt keine „Pionierarbeit“ vollbringen, aber vielleicht einen weiteren kleinen Beitrag zur (auch/gerade in der Leopoldstadt) noch immer nicht in ausreichendem Maß geleisteten „Trauerarbeit“.

Projektziel
Erstes Ziel war die Anbringung einer Gedenktafel für die ehemaligen jüdischen BewohnerInnen unseres Hauses, welche in den Jahren des Naziterrors vertrieben oder deportiert und ermordet worden sind.

Es war uns aber von Anfang an auch ein Anliegen, über die reinen Personendaten hinaus ein besseres Bild der Opfer, ihrer Lebensgeschichte vor 1938 sowie ihres Leidenswegs danach, zu gewinnen. Den Stand unserer Recherchen zu dokumentieren und anderen zugänglich zu machen, sollte die Einrichtung einer Website dienen. Verbunden mit der Hoffnung, Datenmaterial für ähnliche Initiativen und Interessierte bereitzustellen, aber auch, um eventuell selbst Hinweise und Unterstützung für Recherchen zu erhalten. Dass die vorliegenden Datensammlungen und Texte keine abschließenden Ergebnisse darstellen, sondern den Stand eines „work in progress“ repräsentieren, versteht sich von selbst.

Wir ziehen es in Betracht - das Projekt abschließend - die Rechercheergebnisse in Form einer kleinen Publikation zu veröffentlichen.

Ursprünge/Einflüsse
Den auslösenden Impuls für unser Projekt führen wir auf die Aktion „Blumen der Erinnerung“ von „A Letter To The Stars“ im Mai 2006 zurück. 80.000 weiße Rosen wurden am 5.5.2006 von SchülerInnen zum Gedenken vor jenen Häusern niedergelegt, welche als Wohnort oder letzte Wohnadresse von im Nationalsozialismus deportierten und ermordeten Menschen bekannt waren.

Auch vor unserem Haustor wurden drei Rosen niedergelegt mit einem Hinweis auf die Namen der zu diesem Zeitpunkt unserer Wohnadresse zugeschriebenen bekannten Opfer. Einige BewohnerInnen hatten die Aktion seinerzeit aktiv unterstützt (durch Anschlag von Hintergrundinformationen und Aufstellung von zusätzlichen Blumen und Kerzen) und in Zusammenhang damit ist die Idee entstanden, dem Gedenken an die Nazi-Opfer aus unserem Haus eine dauerhafte Form zu verleihen.

Weitere Anregungen für unser Vorhaben verdanken wir natürlich verschiedenen Initiativen mit gleichem/ähnlichem Inhalt. So den Gedenkprojekten „Steine der Erinnerung“, „Freuds verschwundene Nachbarn“ und „Servitengasse 1938“ (ausgehend vom Hausprojekt Servitengasse 6). Nicht alle haben wir allerdings – zugegebenermaßen - schon zu Beginn gekannt.

Diskrepanz der Opferzahl
Als im Rahmen der Aktion von „A Letter To The Stars“ am 5. Mai 2006 vor unserem Haustor drei weiße Rosen mit den Namen der bekannten Holocaustopfer niedergelegt wurden, hat das Betroffenheit ausgelöst. Aber niemand ahnte, dass es tatsächlich weit mehr ehemalige jüdische HausbewohnerInnen waren, die von den Nazis deportiert und ermordet worden sind. Das haben erst die intensiveren Recherchen für die schließlich projektierte Gedenktafel ergeben.

Uns war zunächst daran gelegen, die Situation im Haus vor und nach dem „Anschluss“ zu rekonstruieren. Anhand alter Adressbücher („Lehmann“) und Aufzeichnungen im historischen Meldearchiv (Wiener Stadt- und Landesarchiv) konnte ermittelt werden, wer in unserem Haus gewohnt hat und wann die Vertreibung der jüdischen MieterInnen daraus stattfand. Anhand der Datenbank der Shoah-Opfer des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes (DÖW) wurden dann Anzahl und Namen der schließlich deportierten und ermordeten ehemaligen jüdischen BewohnerInnen aus unserem Haus definitiv bekannt. Es waren 17 Personen!

Der Grund für die Diskrepanz hinsichtlich der Opferzahl zur „A Letter To The Stars“-Aktion ist in den dort verwendeten Adressdaten zu suchen. In der DÖW-Opferdatenbank sind die Personen (entsprechend der Deportationslisten) meist nur mit ihrem letzten bekannten Wohnort erfasst, der aber in der Regel nicht ident mit der regulären Wohnadresse war. Der letzte bekannte Wohnort nämlich war zumeist eine Sammelwohnung oder ein Sammellager, in welchen die Jüdinnen und Juden nach der Vertreibung aus ihrer eigentlichen Wohnung bis zu ihrer möglichen Flucht oder Deportation zusammengepfercht leben mussten.

Die jüdischen BewohnerInnen aus unserem Haus waren alle bereits mit Ende 1938 vertrieben. Bei den drei im Schülerprojekt ausgewiesenen Opfern aus unserem Haus war deren hiesiger (zusätzlich zum letzten) Wohnort nur über Zufälle (Meldungen von überlebenden Angehörigen) bekannt. Für alle anderen wurden (mangels Kenntnis der ehemaligen Wohnadresse) Rosen wohl vor den Haustoren jener Häuser niedergelegt, in denen sich ihr letzter bekannter Wohnort vor der Deportation befunden hat.

Uns war damit klar, dass wir anlässlich der Enthüllung der Gedenktafel 17 weiße Rosen niederzulegen hatten.


Was bisher geschah
Durch verschiedene Umstände verzögert, haben wir erst im Spätherbst 2006 mit der konkreten Umsetzung der Idee in Form vertiefter Recherchen begonnen.

Parallel dazu war eine Abstimmung unter den MiteigentümerInnen des Hauses vorzubereiten. Dafür bot sich der Zusammenhang verschiedener anstehender Sanierungs- und Verbesserungsarbeiten an. Das im März 2007 erfolgte Votum brachte schließlich die notwendige Mehrheit.

Bei der Gestaltung der Gedenktafel hatten wir ursprünglich eine Anlehnung an das Konzept des „Weges der Erinnerung“ durch die Leopoldstadt gesucht: Ein Textteil sollte durch „Namenstäfelchen“ für die Deportierten/Ermordeten ergänzt werden, jenen, deren Namen oder Schicksal wir nicht kennen, ein eigenes Täfelchen gewidmet sein.

Anfang Mai 2007 wurde entschieden, auch jene ehemaligen BewohnerInnen auf der Gedenktafel namentlich anzuführen, die in die Emigration gezwungen wurden. Sie haben zwar durch ihre Flucht ihr Leben bewahren können, aber großteils ihre Angehörigen und alle ihre Heimat verloren. Nachdem sie zuvor gedemütigt, entrechtet und beraubt worden sind.
Damit wurden noch weitere Nachforschungen notwendig und auch das ursprüngliche gestalterische Konzept musste neu überdacht werden.

Ende September 2007 waren die erforderlichen Recherchen für die Gedenktafel abgeschlossen. Als Form für diese wurde eine an Tableaus von Torsprechanlagen erinnernde Gestaltung gewählt. Die große Zahl der Opfer erlaubte nur mehr eine namentliche Auflistung mit Geburtsdatum, wobei die deportierten/ermordeten BewohnerInnen durch ein Zeichen hervorgehoben werden.

Die Enthüllung der Gedenktafel ist am 11.11.2007 im Rahmen der Eröffnung des zweiten Teils des „Weges der Erinnerung durch die Leopoldstadt“ erfolgt.
Trotz widrigster Wetterbedingungen (Regen/Schneefall) haben rund 60 Personen daran teilgenommen. Herr Zwi Nigal (vormals Hermann Heinz Engel), einer von drei noch lebenden ehemaligen Bewohnern unseres Hauses, ist zu diesem Anlass eigens aus Israel angereist und hat eine bewegende Rede gehalten. Hier der Text und zwei Fotos dazu.

Aktuelles
Gräber-Restaurierung
Wir wollen als Teil unseres Projektes die in Wien befindlichen Elterngräber der vertriebenen/deportierten jüdischen BewohnerInnen unseres Hauses restaurieren. Auch wenn für die Restaurierung und Erhaltung der jüdischen Friedhöfe in Österreich gemäß Washingtoner Abkommen von 2001 prinzipiell der Bund zuständig ist, wollen wir nicht warten, bis hier die Kompetenzen geklärt und endlich Initiativen gesetzt werden.

In einem ersten Schritt haben wir begonnen, die erhalten gebliebenen Gräber von Bewuchs zu befreien, zu reinigen und die Schriftfarbe zu erneuern. Hier einige Bilder dazu.

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