Hermine LENGYEL
Hermine Lengyel, geb. Gerber, ist am 9.2.1873 in Wien als Tochter des Bernhard Gerber und der Rosalia, geb. Hoffmann, geboren.
Ihr Mann, Bela/Albert Lengyel, wurde am. 2.2.1865 in Holics in Ungarn geboren und war von Beruf Inkassant. Beide haben noch recht jung (1890) in Ungarn geheiratet, die fünf Kinder kamen aber alle in Wien zur Welt: Ilona am 27.12.1891, Leopoldine am 30.3.1893, Jolanka am 20.11.1894, Mathilde am 1.11.1896 und Erwin am 18.5.1900.

Die Familie Lengyel ist im Mai 1911 vom Volkertplatz Nr. 13 in den neu erbauten Hintertrakt der Großen Stadtgutgasse 34 (vormals Tür 3) übersiedelt.
Nachdem die Kinder aus der elterlichen Wohnung ausgezogen sind und ihr Mann Bela 1930 verstorben ist, lebte Hermine Lengyel zunächst allein in der Wohnung. Von 1933 bis zu seiner Emigration nach Israel (1937) wohnte auch ein Enkel, Erich Bauernfreund, geboren am 20.11.1922, bei ihr. Seit 1931 hatte sie vor Ort zudem ein Textilwarengeschäft betrieben.

Ende Dezember 1938 wurde sie aus der Wohnung und dem Haus vertrieben und war anschließend auf verschiedenen Adressen im 3. Bezirk (jeweils kurzzeitig) gemeldet: in der Rechten Bahngasse 10, in der Apostelgasse 39 und in der Landstraßer Hauptstraße 102.

In die Rechte Bahngasse 10 ist kurzzeitig auch ihr Sohn Erwin hinzugezogen. Er war praktischer Arzt und wurde im Zuge der ersten Verhaftungswellen nach dem „Anschluss“ festgenommen, war von Ende Mai bis September 1938 im KZ Dachau und anschließend bis Mitte Februar 1939 im KZ Buchenwald interniert. Durch Bemühen seiner Frau, einer Katholikin, kam er frei, wohl unter der Bedingung der raschen Auswanderung. Bereits Mitte März 1939 nämlich ist Erwin Lengyel mit seiner Familie nach Shanghai abgereist.

Auch bei Hermine Lengyel findet sich mit 10.7.1939 im Melderegister der Abmeldevermerk „Shanghai, China“.

Erwin Lengyel mit Familie und wohl auch seine Mutter lebten in Shanghai bis er eine Anstellung im McCartee Hospital der Mission der amerikanischen Presbyterianer in Yuyao fand. Gemeinsam übersiedelten sie in diese rund 100 Kilometer südlich von Shanghai gelegene Stadt in der chinesischen Provinz Chekiang. (1)

Seit Aberkennung der deutschen Staatsbürgerschaft für jüdische Flüchtlinge (1941) als Staatenlose geltend, stellten Hermine und Erwin Lengyel nach Ende des Krieges 1946 Anträge auf Bestätigung bzw. Zuerkennung der Österreichischen Staatsbürgerschaft. (2)

Hermine Lengyel ist 1947 zu zwei ihrer Töchter nach London gezogen, wo sie im November 1955 verstarb. (3)

Erwin Lengyel flüchtete mit seiner Familie im Jänner 1949 noch vor der Machtübernahme durch die Kommunisten aus China und kehrte kurzzeitig nach Wien zurück, bevor sie im November 1952 über England in die USA emigrierten. Erwin Lengyel ist 1997 verstorben, seine Gattin Margarethe lebt noch in den USA. (4)

Exil in Shanghai

Shanghai war für die verzweifelten Opfer des nationalsozialistischen Terrors kein bevorzugtes Ausreiseziel, sondern - nach der Weigerung der westlichen Staaten, ihre Einwanderungsquoten zu erhöhen - einer der letzten überhaupt möglichen Zufluchtsorte. Das Gros der jüdischen Flüchtlinge kam nach der „Reichskristallnacht“ nach Shanghai, das exterritoriale Zonen besaß und bis August 1939 der einzige Ort war, der noch ohne Visum und Geldnachweis erreicht werden konnte. Bis zum Kriegseintritt Italiens (Juni 1940) wurde es zumeist auf dem Seeweg von einem der italienischen Häfen erreicht, danach nur mehr über den mühsamen Landweg (über Russland).

Während des Zweiten Weltkrieges dürften sich etwa 18.000-20.000 EmigrantInnen jüdischer Herkunft dort aufgehalten haben, ca. 5.000 kamen aus Österreich. Die meisten Flüchtlinge sahen sich gezwungen, sich im Stadtteil Hongkew niederzulassen, einem Teil der „Internationalen Niederlassung“, der infolge des japanisch-chinesischen Krieges 1937 erheblich zerstört worden war. Sie fanden elende Wohnquartiere mit katastrophalen hygienischen Bedingungen vor. Hinzu kamen enorme wirtschaftliche, sprachliche und klimatische Schwierigkeiten. Trotz der widrigen Lebensumstände gelang es vielen, sich eine bescheidene Existenz aufzubauen. Es entstanden Viertel mit Geschäften, Handwerksbetrieben und Caféhäusern (z.B. genannt „Klein Wien“) und es entwickelte sich ein umfangreiches soziales und kulturelles Leben.

Die Entwicklung hin zu einem Stück Normalität endete jedoch mit der japanischen Besetzung Ende 1941, welche eine schwerwiegende Zäsur und eine wesentliche Verschlechterung der Situation mit sich brachte. Bis auf wenige Ausnahmen mussten die EmigrantInnen schließlich im Mai 1943 in einen ihnen zugewiesenen Distrikt (der in etwa dem Stadtteil Hongkew entspricht) übersiedeln, den sie nur mit einem Passierschein verlassen durften.

Außerhalb Shanghais konnten sich in den chinesischen Provinzen nur wenige Flüchtlinge ansiedeln.

Nach dem Krieg setzte die Abwanderung der EmigrantInnen aufgrund verzögerter Staatsbürgerschaftsverfahren (sie galten ja als staatenlos) sowie beschränkter Aufnahmequoten bevorzugter Zielländer nur sehr schleppend ein. Als jedoch die kommunistischen Truppen unter Mao Tse-tung Ende der Vierziger Jahre nach und nach das chinesische Festland eroberten, stellte sich die Frage der Weiter- und Rückwanderung mit zunehmender Brisanz.
Nach Europa ist nur ein kleiner Teil der Flüchtlinge zurückgekehrt, die meisten sind nach Nordamerika, Australien und Israel ausgewandert; nur wenige sind in Shanghai geblieben.

Immerhin rund 1200 jüdische EmigrantInnen hatten sich zur Rückkehr nach Österreich entschlossen, doch wurden sie von der Realität im wiedererstandenen Österreich bitter enttäuscht. „Das Verhalten der österreichischen Regierung und der Bevölkerung gegenüber den Shanghai-Emigranten zählt zu den beschämendsten Kapiteln der österreichischen Nachkriegsgeschichte.“ (5)




Anmerkungen:
(1)Bis auf die Meldevermerke sind diese Angaben einer Kurzbiographie zu Erwin Lengyel entnommen, welche sich in der Dokumentation des „Ricci 21st Century Roundtable on the History of Christianity“ in China findet. (http://ricci.rt.usfca.edu/biography/view.aspx?biographyID=1564)
(2)Entsprechende Dokumente finden sich im Bestand des Österreichischen Staatsarchivs/Archiv der Republik/Österr. Gesandtschaft in China/Konsularabteilung Shanghai 1948-1950.
(3)Laut Angaben einer Enkelin.
(4)Die Angaben sind dem Opferfürsorgeakt bzw. den New Yorker Passagierlisten und dem „Social Security Death Index“ entnommen. Den Hinweis, dass Margarethe Lengyel noch lebt, verdanken wir deren Tochter.
(5)Gabriele Anderl in „Der Weg zurück“, in: Zwischenwelt - Zeitschrift für Kultur des Exils und des Widerstands, Jg. 18 (2001), Nr. 2. Wie schon die Nr. 1 desselben Jahrgangs ist auch Heft 2 der „Zwischenwelt“ unter dem Titel „'Little Vienna' in Asien" dem Exil in Shanghai gewidmet.


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