Marie/Alice/Ignatz Raoul KOHN
Nach dem Tod ihres Mannes Alfred Kohn (geb. am 29.2.1876 in Sternberg/Mähren) im Juli 1937, lebte Marie Franziska Kohn, geborene Walenta, geboren am 4.10.1881 in Luckau/Niederlausitz, allein mit ihren Kindern Alice, geb. 26.8.1916, und Ignatz Raoul, geb. 29.6.1918. Sie wohnten in der Großen Stadtgutgasse 34 seit 1929 (Hoftrakt/ehemals Tür 13), Ignatz Raoul bis Mitte Dezember 1938 und Marie und Alice Kohn bis Anfang November 1939.
Alfred Kohn war Jude, Marie Kohn konfessionslos, die Heirat erfolgte standesamtlich. Alice ist Ende Mai 1938 aus der jüdischen Religionsgemeinschaft ausgetreten, zu Ignatz Raoul finden sich keine entsprechenden Vermerke beim Matrikenamt der IKG.

Ignatz Raoul war kurzzeitig (bis gegen Ende Jänner 1939) noch in der Reichsbrückenstraße 12 gemeldet (Abmeldevermerk: "unbekannt"), sein genaueres Schicksal danach bleibt im Dunkeln. Er wurde Ende November 1947 auf Antrag seiner Tante gerichtlich für tot erklärt. Diese hatte angegeben, dass Ignatz Raoul zuletzt in Budapest wohnhaft war und Nachrichten zufolge im Herbst 1942 verhaftet und in ein Lager gebracht worden sei. Das Gericht hat nach eigenen Ermittlungen den Angaben Glauben geschenkt und sie dem Entscheidungsspruch zugrunde gelegt. (1)

Marie und Alice Kohn übersiedelten in die Praterstraße 17. Alice erlag Ende Oktober 1944 einer Gehirnhautentzündung (2), Marie Kohn verstarb Ende Mai 1946. Bei beiden ist als Todesort Wien 2, Malzgasse 16 angeführt. Ab 1942 war dort (neben einem Sammellager) ein provisorisches jüdisches Spital eingerichtet, das (nach Beschlagnahme des Rothschild-Spitals) als Ausweichspital für in Wien lebende PatientInnen jüdischer Herkunft diente, da diesen die Aufnahme in anderen Spitälern untersagt war.

Alice galt den Nationalsozialisten auch nach ihrem Austritt aus der Israelitischen Kultusgemeinde entsprechend ihrer „Rassegesetze“ nach wie vor als Jüdin. Sie musste daher am jüdischen Friedhof bestattet werden, an der Grabstätte ihres Vaters. (3) Maria Kohn hatte sich in ihrem Testament eine Beisetzung im Familiengrab gewünscht. (4)




Anmerkungen:
(1)Todeserklärung des LG für ZRS Wien, Abt. 48, Zahl 48 T 230/47-9 vom 26.11.1947.
(2)Ein entsprechender Vermerk findet sich im Geburtenbuch der IKG.
(3)Siehe Friedhofs-Datenbank der IKG.
(4)Das Testament findet sich im Akt zur Verlassenschaftsabhandlung, BG Innere Stadt, GZ 1A, 633/46 vom 10.7.1946 (WrStLA).

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