Theodor Otto/Jeannette/Hermann Heinz ENGEL
Theodor Otto Engel wurde am 19.11.1877 in Prerau/Mähren geboren und war – wie schon sein Vater und sein Bruder – Angestellter der Staats- bzw. Bundesbahnen. Als solcher hat er als Offizier im Ersten Weltkrieg Dienst als Instradierungsbeamter (heute etwa „Transportlogistiker“) in den Kriegsgebieten versehen. (1)

Theodor Otto Engel war schon nach Fertigstellung des Hoftraktes (1911) mit seiner ersten Frau und den zwei Kindern Gerta, geboren am 26.4.1906, und Else geboren am 20.8.1908, in die Große Stadtgutgasse 34 (zuletzt Hoftrakt/vormals Tür 11) gezogen.

Jeannette und Hermann Heinz Engel (ca. 1927) Nach dem Tod seiner ersten Frau heiratete er 1921 Jeannette/Jeanette Hirsch, welche am 26.4.1886 in Andrichau/Galizien geboren ist. Diese war das älteste von 10 Kindern, machte in Wien die Ausbildung zur Krankenschwester und war im Ersten Weltkrieg bei den Kaiserjägern an der russischen und italienischen Front im Einsatz. (2)

Am 13.4.1923 kam Hermann Heinz zur Welt. Gerta und Else emigrierten Ende 1929 nach Südamerika. Hermann Heinz besuchte zunächst die Volksschule in der Holzhausergasse und anschließend das Gymnasium in der Zirkusgasse.

Theodor Otto Engel im Palästinaamt (1940) Theodor Otto Engel erreichte die Position eines Oberinspektors bei der Bundesbahn und war zuletzt Vorstandstellvertreter des Nordbahnhofs. Seine Berufung zum Vorstand scheiterte an seiner Zugehörigkeit zur jüdischen Religionsgemeinschaft. Das Angebot einer vorzeitigen Pensionierung annehmend, wirkte er zunächst noch als Betriebsleiter einer Firma seines Onkels, bevor er sich im Rahmen der zionistischen Bewegung von Robert Stricker und ab ca. 1937 ehrenamtlich im Palästinaamt (dem Wiener Zweig des Auswanderungsamts der Jewish Agency) engagierte.

Nach dem „Anschluss“ konnte Hermann Heinz das Schuljahr zwar noch beenden, der weitere Schulbesuch wurde ihm aber verwehrt. Schon für Oktober 1938 vorgesehen, aber wegen Krankheit verzögert, konnte er im Jänner 1939 im Rahmen der so genannten “Jugend-Alijah” nach Palästina flüchten.

Noch vorher aber - nämlich Mitte Dezember 1938 - wurde die Familie Engel aus dem Haus vertrieben, musste ihre Wohnung unter Zurücklassung der meisten Möbelstücke binnen zwei Tagen räumen. Sie fand Unterschlupf bei einem Freund des Vaters, Oskar Schramek, in dessen Wohnung in der Novaragasse 21, wo sie nur mehr ein Kabinett zur Verfügung hatte. (3)

Im August 1939 nahm Theodor Otto Engel noch am 21. Zionistenkongress in Genf teil. Er sollte eigentlich in der Schweiz bleiben, wurde aber von den Nationalsozialisten durch Abnahme des Reisepasses seiner Frau zur Rückkehr gezwungen.

Jeannette Engel gelang es Ende November 1939 auf einen unter Kontrolle der Nationalsozialisten organisierten illegalen (weil von den Engländern nicht erlaubten) Transport nach Palästina zu kommen. Die in Bratislava geplante Einschiffung auf Donauschiffe verzögerte sich aber um mehr als neun Monate, während derer die Flüchtlingsgruppe in einer aufgelassenen Patronenfabrik in Pressburg interniert wurde. Erst Anfang September 1940 startend und nach mehr als zweimonatiger Reise über Donau und Schwarzes Meer - unter widrigsten Umständen und dauernden Verzögerungen - erreichte der Transport Ende November 1940 Haifa, wo aber die britische Regierung die Landung verwehrte. Die Flüchtlinge sollten für die Dauer des Krieges in eine britische Kolonie abgeschoben werden, was durch einen Sprengstoffanschlag am für den Transport vorgesehenen Schiff „Patria“ durch eine im Untergrund operierende jüdische Kampftruppe verhindert werden sollte. Die Sprengladung war aber zu stark, die „Patria“ sank und riss 267 Menschen in den Tod. Es konnte nun nach massiven Interventionen von verschiedenen Seiten erreicht werden, dass die Flüchtlinge der ersten zwei Schiffe in Palästina bleiben durften. Jene aber, welche mit dem dritten Schiff (der „Atlantic“) zuletzt einlangten und noch nicht auf die „Patria“ gewechselt waren, wurden von den Engländern nach Mauritius deportiert und bis zum Ende des Krieges interniert. Unter ihnen Jeannette Engel. (4)

Das Palästinaamt, in welchem Theodor Otto Engel wirkte, wurde nach dem De-Facto-Stillstand der jüdischen Auswanderung Mitte Mai 1941 aufgelöst, er selbst Anfang März 1942 in eine Sammelwohnung in der Krummbaumgasse 10 eingewiesen. In den zwei letzten am 1.10. und 9.10.1942 nach Theresienstadt durchgeführten Großtransporten wurden 800 bzw. 700 Angestellte der Israelitischen Kultusgemeinde mit ihren Angehörigen eingeteilt. Bei jenem am 9.10.1942 war auch Theodor Otto Engel dabei. Zuvor schon waren mit dem Transport vom 24. September, dem so genannten „Prominententransport“, alle jene deportiert worden, die im „jüdischen Wien“ Rang und Namen hatten. (5)
Von Theresienstadt wurde Theodor Otto Engel mit einem der letzten Transporte am 23.10.1944 nach Auschwitz gebracht und ermordet.

Hermann Heinz Engel, der in Palästina zunächst auf einem Bauernhof gelebt und gearbeitet hatte, rückte mit 18 Jahren als Soldat zur Britischen Armee ein und diente in der Jüdischen Brigade in Nordafrika und Italien. Zu Kriegsende an der Grenze in Tarvis stationiert, konnte seine Einheit jüdischen Flüchtlingen helfen, die Ausgangshäfen der Schiffe zur illegalen Einreise nach Palästina zu erreichen. Deshalb wurde sie von den Engländern bald nach Belgien und Holland versetzt.

Seine Mutter überlebte die Internierung auf Mauritius, gelangte endlich 1945 nach Palästina und gründete hier mit Schneiderarbeiten eine neue Existenz.

Hermann Heinz Engel kämpfte später im Unabhängigkeitskrieg Israels und war danach am Aufbau der Israelischen Armee beteiligt. Noch in deren Dienst studierte er Elektrotechnik und war, nachdem er die Armee 47-jährig verlassen hatte, viele Jahre Marketing-Direktor einer internationalen Firma.

Hermann Heinz Engel lebt als Zwi Nigal in der Nähe von Tel Aviv. Seit 1950 ist er mit Shifra Feffer verheiratet, sie haben zwei Kinder und sieben Enkel.

Jeannette Engel starb 1987 im hohen Alter von fast 102 Jahren.

Dokumente



Anmerkungen:
(1)Die Angaben zur Familiengeschichte basieren auf dem oben angeführten Interview und darüber hinaus auf dokumentierten Gesprächen und Mailverkehr mit Zwi Nigal.
Die Eltern von Theodor Otto Engel waren Viktor und Tzila, welche noch einen zweiten Sohn hatten. Dieser war zunächst bei den k.u.k Staatsbahnen und nach dem ersten Weltkrieg bei den Tschechischen Staatsbahnen in Brünn tätig. Er selbst verstarb 1936, seine Gattin und vier der fünf Kinder wurden von den Nationalsozialisten deportiert, zwei davon überlebten das Konzentrationslager. Eine Tochter konnte noch rechtzeitig emigrieren.
(2)Die Eltern von Jeannette Engel hießen Marcus und Rosa, geb. Schönherz. Von ihren Geschwistern starb eine Schwester früh an einer Krankheit und Jeanettes Lieblingsbruder fiel im Ersten Weltkrieg als Artillerieoffizier in Italien. Der Großteil der anderen Geschwister wanderte in verschiedene Länder (USA, Südamerika, Israel) aus. Die in Wien lebende Schwester konnte mit ihrer Familie noch rechtzeitig vor den Nationalsozialisten nach Südamerika flüchten und emigrierte später nach Israel. Zwei in Andrichau bzw. dessen Nähe wohnhaft gebliebene Brüder und ihre Mutter wurden nach Auschwitz deportiert, ebenso wie ein in Paris lebender Bruder mit Gattin und zwei Kindern.
(3)Oskar Schramek stand als (letzter) Präsident dem 1875 gegründeten Verein "Aeschel Awrachom" vor, der Bauherr und Träger der Vereinssynagoge in der Pazmanitengasse 6 war. Theodor Otto Engel gehörte dem Vorstand dieses Vereins an. Die Synagoge wurde beim Novemberpogrom 1938 durch die Nationalsozialisten zerstört. Oskar Schramek wurde 1942 deportiert und hat den Holocaust nicht überlebt.
(4)Zum Flüchtlingstransport, an welchem Frau Engel teilnahm, siehe Gabriele Anderl: „Entweder ihr verschwindet über die Donau oder in der Donau“. Die Flucht österreichischer Juden nach Palästina. Stand 18.4.2005. http://www.judeninkrems.at/stories/storyReader$173 (1.12.07)
(5)Es hat auch nach dem 9.10.1942 noch Deportationen aus Wien nach Theresienstadt gegeben, allerdings in weit geringerer Zahl als in jenen Transporten, die zwischen 20.6. und 9.10.1942 durchgeführt wurden. Siehe dazu Herbert Rosenkranz: Verfolgung und Selbstbehauptung. Die Juden in Österreich 1933-1945. Wien 1978.

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