Fragmente zu einer Hauschronik
Die Lage
Die „Großlage“ Leopoldstadt braucht kaum näher erläutert zu werden. Ihre historische Stellung als Vorort von Wien, Ort der Zuwanderung (und auch Abschiebung), vor allem auch für Jüdinnen und Juden, ist hinreichend hervorgehoben worden. Dass es der Ort blühenden jüdischen Lebens in Wien war, sollen die langsam zunehmenden Gedenktafeln wieder in Erinnerung bringen. Das Ausmaß der (noch heute nachwirkenden) Verwüstung und Vernichtung durch die Nationalsozialisten können sie freilich nur andeuten.

Die Große Stadtgutgasse, zwischen Taborstraße und Praterstraße gelegen, gehört zum ersten Entwicklungsgebiet der Stadterweiterung nach der Eingemeindung der Leopoldstadt (1850). Noch 1862 war die heutige Heinestraße (Augarten-Allee-Straße/Kaiser Josef Straße) völlig unverbaut, das Volkert-Viertel noch Grünzone. Auch die Bebauung in der Großen Stadtgutgasse war noch spärlich, Pazmanitengasse, Pillersdorfgasse und Rueppgasse haben noch gar nicht existiert. Die meisten Häuser in unserem Gebiet sind um 1870 erbaut, viele davon als Zinshäuser für den expandierenden Mittelstand.
Dieser bestand zu einem Gutteil aus jüdischen Zuwanderern oder deren Kindern, die sich statt vom (üblichen) Kaufmannsberuf zunehmend vom Trend zu Angestelltenberufen angezogen fühlten. (1)

Die Große Stadtgutgasse war immer schon eher eine Wohnstraße, Geschäfts- oder gar Gastwirtschaftslokale gab es hier nicht allzu viele, kulturelle Einrichtungen gar keine. Solche fanden sich gehäuft in der Prater- und Taborstraße, aber auch ganz in der Nähe (das Odeon und der Zirkus Renz in der Zirkusgasse, etc.).

Das Haus/die Häuser
In den Texten ist immer von unserem „Haus“ die Rede, wiewohl eigentlich die Mehrzahl angebracht wäre (was aber nicht unbedingt dem besseren Verständnis dient).
Seit 1910 besteht unsere „Liegenschaft“, aus zwei getrennten Häusern: dem in die Häuserzeile der Großen Stadtgutgasse eingebundenen Straßentrakt und dem im Abstand dazu gesetzten Hoftrakt - letzterer nur über den Durchgang im ersten zu erreichen.

Trotz verschiedenster Bebauungsplanungen im Hof blieb der 1868/69 erbaute Straßentrakt lange das einzige Wohngebäude (neben einem ebenerdigen Magazintrakt) auf dem Grundstück. Als dreistöckiges Zinshaus mit gemischten Wohnungstypen konzipiert, entsprach es durchaus „gehobenem“ - dem Mittelstand entsprechenden - Standard. Neben zwei kleinen Geschäftslokalen im Parterre entsprachen bereits sieben der 15 Wohneinheiten dem Typus von Mittelwohnungen (2 bis 3 ½ Wohneinheiten), der Großteil davon war mit integriertem WC ausgestattet.

Der nach diversen Bebauungsvarianten schließlich erst ab 1910 realisierte Hoftrakt wies ohnehin nur mehr im Parterre zwei Kleinwohnungen auf. Die restlichen 11 Wohneinheiten hatten neben den obligaten 2 ½ Zimmern auch ein Dienstbotenzimmer; alle Wohnungen mit integriertem WC.

Erst 1951, beim Wiederaufbau der von Bomben zerstörten Hausteile (beider Häuser) wird die ursprüngliche Wohnungsstruktur geändert. In beiden Häusern werden einzelne größere Wohnungen geteilt, und so auch die Nummerierung verschoben, welche also heute nicht mehr dem Stand von 1938 entspricht. (2) Dies gilt es zu bedenken, wenn bei der Adresszuordnung von Personen genaue Türangaben gemacht werden.

Die EigentümerInnen
Eigentümer der Liegenschaft und Erbauer des Straßentraktes war zunächst ein Anton Deschauer, Schmied/Hufschmied, auch Pferdearzt und handelsgerichtlicher Schätzmeister und Sachverständiger. Nach dessen Tod, 1893, dürfte das Haus an Heinrich Müller, k.u.k. Hofsattler und Riemer, verkauft worden sein. Die relevanten Grundbucheintragungen sind dem Brand des Justizpalastes 1925 zum Opfer gefallen. Heinrich Müller jedenfalls scheint als Eigentümer auf den Plänen für den Hoftrakt auf, der 1910/11 erbaut wurde. Im Grundbuch mit Stand 15.7.1927 werden Marie Wichtl, geb. Müller, Heinrich Müller jr. und Magdalena Zieger, geb. Müller, alle vermutlich Kinder von Heinrich Müller sen., mit je einem Drittel Anteil geführt. Den Anteil von Heinrich Müller jun. übernimmt 1944 eine Eva Müller, ab 1947 verheiratete Schuster.

Mit Kaufvertrag vom Juli 1950 erwirbt Anton Eisenreich das alleinige Eigentumsrecht an der Liegenschaft und reicht im April bzw. Juli 1951 Auswechslungspläne zur Instandsetzung beider von Fliegerbomben getroffenen Häuser ein.

Zur Rolle Anton Eisenreichs im nationalsozialistischen Wien wird noch Näheres auszuführen sein. Seinen „Aufstieg“ erlebte er 1939/40 als er im Auftrag von Gauleiter Bürckel die Geschäftsführung der Hauptabteilung VIII, Wohnungs- und Siedlungswesen, in Wien übernimmt. Zuvor schon hatte er den Sprung nach Berlin geschafft, als Sachbearbeiter beim Reichskommissar für die Preisbildung, Hermann Göring.

Bereits im Dezember 1951 verkaufte Anton Eisenreich mehr als die Hälfte seiner Anteile an zwanzig EigentümerInnen. Erst 1948 waren zuvor die rechtlichen Voraussetzungen für die Begründung von Wohnungseigentum überhaupt geschaffen worden.

Die Wohn-/Mietverhältnisse
Die Häuser unserer Liegenschaft waren in erster Linie zum Zweck der Vermietung errichtet und über weite Zeiträume im Besitz einzelner Personen, von welchen manche aber (zeitweilig) auch hier gewohnt haben. Neben deren „Hausherrenwohnungen“ (und den zwei Geschäftslokalen) gab es ausschließlich Mietwohnungen. Eigentumswohnungen wie wir sie heute kennen, wurden - wie erwähnt - erst über das Wohnungseigentumsgesetz 1948 (BGBl. 149) ermöglicht.

Der Standard der Wohneinheiten beider Häuser kann durchaus als „gehoben“ bezeichnet werden, im Kontext der Wohnsituation in Wien, die auch in den 30er Jahren noch eine äußerst schlechte war. Zwar halfen die Einführung von Mieterschutzgesetzen in den 1920er Jahren und die Einführung der Wohnbausteuer und die daraus finanzierte öffentliche Bautätigkeit, die katastrophale Situation deutlich zu verbessern. Dennoch waren 1934 immer noch rund zwei Drittel der Wiener Wohnungen Kleinwohnungen (bis 1 ½ Wohneinheiten), nur ein Viertel Mittelwohnungen (2 bis 3 ½ Wohneinheiten) und nur rund vier Prozent Großwohnungen (4 und mehr Wohneinheiten).

Insofern waren die Verhältnisse in unseren Häusern jedenfalls im „besten Drittel“ einzustufen, wenngleich wir keine konkreten Analysen etwa über die Wohnungsbelegungen angestellt haben.

Ergänzt werden muss, dass über den schlechten Standard der vorhandenen Wohnungen hinaus in Wien ein eklatanter Mangel an Wohnraum überhaupt bestand. Hatte es das „rote Wien“ mit diversen Maßnahmen geschafft, bis 1934 mehr als 64.000 Wohnungen zu errichten, so endete der soziale Wohnbau mit der Machtübernahme des „Austrofaschismus“ im Wiener Rathaus. Noch Mitte 1939 wird seitens der Nationalsozialisten der Fehlbestand in Wien mit rund 70.000 Wohnungen beziffert.

Angesichts der geringen Leistungen an Wohnraumschaffung durch die Nationalsozialisten sieht Gerhard Botz die systematische Vertreibung bis hin zur Deportation der Jüdinnen und Juden auch im Kontext einer gescheiterten Wohnungspolitik. (3)

Die BewohnerInnen
Eine Analyse der Sozialstruktur der BewohnerInnen unseres Hauses muss sich notwendigerweise in Grenzen halten. Die in „Lehmanns“ Adressbüchern enthaltenen Straßenverzeichnisse, worin die einzelnen Häuser nach Hausnummern und darin die Hauptmieter/EigentümerInnen (und nur diese!) mit Berufsangaben angeführt sind, gibt es erst ab 1925 (bis 1942) und sie sind in Folge nicht jährlich erschienen.

Wie aus den vorhandenen Jahrgängen aber leicht ersichtlich ist, bestand die Mieterstruktur der Liegenschaft Gr. Stadtgutgasse 34 entsprechend der dominierenden Wohnungstypologie meist aus bürgerlicher Mittelschicht, im Vorderhaus eher noch gemischt, im Hintertrakt homogener.

So fanden sich unter den Mietern vor allem Handelsreisende, Beamte/Privatbeamte, Bankangestellte und vereinzelt auch Kaufleute, selbständige Handwerker und Künstler (Musiker, Schauspieler).

Wie hoch der Anteil an jüdischen BewohnerInnen im Haus 1938 lag, lässt sich nicht mehr definitiv ermitteln. Ganz sicher waren es aber weit mehr als die Hälfte, im Hintertrakt mehr als drei Viertel.

Nicht uninteressant auch, sich die Herkunft der MieterInnen anzusehen, was anhand der eingeholten Meldedaten des Meldeamtes (mit Angaben zu Geburtsdatum und meist auch Geburtsort) teilweise möglich ist.
Demzufolge stammte ein Gutteil der jüdischen HausbewohnerInnen aus ehemaligen Kronländern der Österreichisch-Ungarischen Monarchie: so aus Böhmen/Mähren, Ungarn, Galizien und der Bukowina. Aus jenen Ländern also, die den Großteil der jüdischen Zuwanderung nach Wien Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts stellten.

Damit waren sie eigentlich typische Wiener, denn weit weniger als die Hälfte der Wiener Bevölkerung Ende des 19. Jahrhunderts war tatsächlich in Wien geboren. Die Einwohnerzahl der Stadt hatte sich zwischen 1860 und 1890 beinahe verdreifacht, nicht etwa weil die Geburtenrate plötzlich sprunghaft gestiegen wäre, sondern vielmehr durch Eingemeindungen und durch einen nie da gewesenen Zustrom von Menschen aus dem Norden und Osten der Donaumonarchie.



Anmerkungen:
(1)Siehe dazu etwa Marsha L. Rozenblit: Die Juden Wiens 1867 – 1914. Assimilation und Identität. Wien 1988.
(2)Leider lässt sich anhand der historischen Baupläne und Bauakte eine Rekonstruktion der Wohnungsnummerierung von 1938 nicht mehr nachvollziehen. Die Baupläne für beide Häuser weisen noch keine Zuordnungen auf, sondern erst jene, die für den Wiederaufbau 1949 bzw. 1951 (Auswechslungsplan) eingereicht wurden. Die vorgenommenen Wohnungsteilungen und eine (auf Grund von Hinweisen) vermutete Änderung der „Zählrichtung“ lassen eine fundierte Rekonstruktion nicht mehr zu.
(3)Gerhard Botz: Wohnungspolitik und Judendeportation in Wien 1938 bis 1945. Zur Funktion des Antisemitismus als Ersatz nationalsozialistischer Sozialpolitik. Wien-Salzburg 1975.

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